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Der schöne Hafen von Singapur |
Veröffentlicht am 28. Mai 2005
Auf der mehrspurigen Autobahn rauscht das Taxi vom Flughafen in die Stadt. Links und rechts wiegen sich schlanke Palmen, die Fahrspuren sind durch Hibiskus und Bougainvillea von einander getrennt. Welch ein Unterschied zu dem mickrigen Grün auf unserer Autobahn. Vorbei geht es an modernen Apartmenthäusern und Wohnblocks. Viele Architekten haben hier ihre Visitenkarte abgegeben und zeigen eine Vielfalt an Ideen. Dann der Blick auf die Skyline. Manhattan? Chicago? Vegetation und Temperatur sagen, dass es das nicht sein kann. Hotel- und Bankentürme schießen in die Höhe, denn der Platz an der Südspitze Malaysias ist begrenzt. Sir Thomas Raffles würde seine Stadt nicht wiedererkennen! Statt der Ochsenkarren und Kutschen, haben U-Bahn und Taxen den Transport übernommen. Die shop houses, Geschäfts- und Wohnhäuser der Chinesen, sind verspiegelten Hotels gewichen, an deren Außenseite gläserne Fahrstühle die Gäste in die Zimmer befördern. Die Modernisierung wurde von „Oben“ geplant und ausgeführt, die Einwohner auf Sauberkeit und Konsum gedrillt. In keiner Stadt habe ich so viele Verbotsschilder gesehen wie in Singapur: Eis essen — verboten, rauchen — verboten, selbst das überqueren der Straße neben dem Zebrastreifen kostet.
Steril und leblos?
Sicher, ein Großteil der alten Atmosphäre ist für immer dahin. Vorbei die
Tage, als sich in der Bugis Street die Transvestiten um die Matrosen prügelten,
man sich in Kaschemmen unter den Tisch soff und in den shop houses alles
Mögliche verhökert wurde. Von den Häusern blätterte der Putz und schiefe
Jalousien filterten das Sonnenlicht. Aber die Abrissbirnen haben nicht alles
erwischt. Es gibt noch Ecken, wo das alte Singapur zu finden ist. Man trifft es
in den Vierteln der Inder, Chinesen und Malaien. Hier pulsiert das Leben, und
man gewinnt Einblicke in die Eigenheiten der verschiedenen Volksgruppen.
Vögel gestalten das Frühkonzert.
Früh am Morgen. Noch ist es nicht zu heiß für einen Bummel durch Chinatown.
An einer kleinen Straße ein Cafe. Männer in Unterhemd und Turnhose sitzen auf
dem Bürgersteig an kleinen Tischen. Über ihnen hängen Vogelkäfige, jeder für
sich schon ein kleines Kunstwerk. Aufgeregt hüpfen bunte Vögel von Sitzstange zu
Sitzstange und zwitschern, was das Zeug hält. Jeder will seinen Nachbarn mit
seinem Lied übertrumpfen. Mit Kennermiene lauschen die Männer dem Gesang,
rechnen sich ihre Gewinnchancen beim nächsten Wettbewerb aus. Bevor es zu heiß
wird, werden die Vögel wieder nach Hause getragen, stellen gute Sänger doch
einen beachtlichen Wert da.
Eine
Göttin hilf gegen Seeungeheuer
Schwer hängt der Duft von Räucherstäbchen in der Luft. Zwischen bunten
frischsanierten Häusern, steht ein Fossil aus alten Tagen.Singapurs ältester
Tempel: Thian Hock Keng. Gefährlich war die Überfahrt vom chinesischen Festland
nach Singapur. Oft hatten die Dschunken gegen schwere See anzukämpfen, und
Piraten waren an Hab und gut interessiert. Hatte man endlich sein Ziel erreicht,
war der erste Gang zum Thian Hoek Keng. Dankbar opferte man der Schutzgöttin Ma.
Hatte sie doch dafür gesorgt, dass die See das Schiff unbeschadet ließ, kein
Seeungeheuer die Mannschaft verschlungen hatte. Hatte man noch keine Bleibe in
der Stadt, so konnte man hier für einige Zeit Unterschlupf finden. Neben den
Opfergaben lohnt es sich, einen Blick auf die alten Schnitzereien und
Lackarbeiten zu werfen.
Ein
Papagei spielt Schicksal
Das diese Vögel schlau sind, ist ja hinlänglich bekannt. In „Little lndia“ haben
sie noch eine weitere Fähigkeit: den Blick in die Zukunft. Für viele Inder ist
es eine Selbstverständlichkeit das Orakel zu befragen bevor man den Tag beginnt.
Gegen einen kleine Obolus trippelt der grüne Vogel zu einem Stapel Karten oder
Schriftröllchen. Er beäugt die Schicksalskarten, bis er schließlich eine
auswählt. Es ist nun die Aufgabe des Besitzers den Orakelspruch zu
interpretieren, und die des Kunden, daran zu glauben.
Blüten für die Götter
Was gibt es Schöneres, als die Götter mit Blumen gnädig zu stimmen? Die Straßen
sind erfüllt vom Duft tausender frischgepflückter Blüten. Zu Bergen aufgetürmt,
liegen sie auf den Tischen: orangefarbene und gelbe Tagetes, cremefarbige
Jasminblüten und viele andere Tropenblumen. Geduldig werden sie von Frauen
aufgefädelt und zu Girlanden verarbeitet. So schmücken sie bereits die
Verkaufsstände der Händler. Frisch verpackt werden sie dann in die Tempel
getragen und den Göttern geopfert.
Seide, Saris, Süßigkeiten
Es ist aber nicht nur der Blütenduft, der die Nase verwöhnt. Das ganze Viertel
riecht nach Räucherwerk und Gewürzen. In Kisten und Säcken lagern die Zutaten
für die indische Küche. Rot leuchten die Chilischoten, ordentlich sind Zwiebeln
und Knoblauch gestapelt. Maigrüner Kardamom neben gelbem Kurkuma. Frauen in
bunten Saris stehen Schlange, um sich ein Masala mischen zu lassen. Die Zutaten
für diese Gewürzmischung werden in der Familie weitervererbt und immer frisch
gekauft! Neben dem Gewürzhändler stapelt sich Seide in den Regalen. Die Ballen
schimmern in allen Farben dieser Welt, und man ist vom Hinsehen schon
schwindlig. Dann die perfekte Verführung: indische Süßigkeiten. In einer Vitrine
liegen die Kalorienbomben auf der Lauer. Mit Rosenwasser getränkte Teigbällchen,
Gebäck aus Milch, Zucker und Pistazien, verziert mit Blattgold. Alles klebrig
süß — einfach göttlich. In vielen Restaurants kann man sich in die indische
Küche reinschmecken. Für Anfänger empfiehlt sich ein Tali: verschiedene Gerichte
werden auf einem Teller zusammen mit milden und scharfen Saucen serviert. In
einigen Restaurants hat man die Teller durch ein Bananenblatt ersetzt —gegessen
wird mit den Fingern.
Der
Ruf des Muezzin
Nur ein Steinwurf entfernt ist Arab Street. Schon von Weitem sieht man den Turm
der Masjid Sultan Moschee mit dem Minarett. In den umliegenden Straßen fühlt man
sich in den Orient versetzt. Männer sitzen gelassen vor den Häusern und lassen
Perlenschnüre durch die Finger gleiten, verschleierte Frauen erledigen ihre
Einkäufe. In einigen Geschäften kann man sich in kürzester Zeit einen Anzug oder
ein Kleid nähen lassen. Besonders schön sind die Batikstoffe, die allemal eine
originelle Tischdecke abgeben. In den Parfümerien fühlt man sich in einen Harem
versetzt. Die Vitrinen sind gefüllt mit den Düften des Orients. Schwer und
intensiv liegt der Duft von Patchouli, Ylang-Ylang und Amber in der Luft. Der
Muezzin ruft zum Freitagsgebet. Aus den Eingängen der Moschee werden rote
Teppiche ausgerollt und leiten die Gläubigen ins Innere. Für kurze Zeit kommt
das quirlige Leben des Viertels zur Ruhe.
Reif
für die Insel
Mit Gebrüll und Wassergetöse begrüßt der Merlion die Besucher auf Sentosa.
Ermüdet von Besichtigungen und shopping bietet die Insel etwas Erholung. Hier
wird alles getan, um den Tag kurzweilig zu gestalten. Eine Monorail verbindet
die verschiedenen Sehenswürdigkeiten des Parks miteinander. Ob man sich alles
ansehen muss, ist Geschmackssache, denn vieles ähnelt Disneyland. Auf keinen
Fall sollte man sich die Underwater World entgehen lassen. Auf Laufbändern wird
der Besucher durch Glasröhren gezogen und bestaunt die Unterwasserwelt über und
neben sich. Wer richtig nass werden will, hat sein Badezeug dabei und stürzt
sich an einem der Inselstrände ins Meer. Bei Einbruch der Dämmerung locken
Klassikklänge in eine Arena. Die Musical Fountain unterhält mit Laser-Show und
zur Musik passenden Wasserspielen.
Die
wichtigste Sache der Welt: Essen
Was wäre Singapur ohne seine vielen Garküchen? Die Zutaten der Gerichte kann man
sich auf einem der vielen Märkte ansehen (People´s Park Complex, KK-Market).
Kaninchen wird das Fell über die Ohren gezogen, gerupfte Enten hängen an Stangen
und in Vitrinen liegen Fische und Langusten auf Eis. Daneben stehen Eimer mit
Fröschen, die noch nicht ahnen, dass die Schenkel bald auf einem Teller liegen
werden. In den pieksauberen Garküchen (Hawker-Zentren) verschafft ein Rundgang
einen ersten überblick über das Angebot. Das ist von Vorteil, da der Chinese
viel mehr für essbar hält als wir. Ist die Wahl getroffen, nimmt man das Essen
an den Tisch, oder nennt die Tischnummer und bekommt es serviert. Schon beginnt
das Schlemmen durch die Küchen Asiens: auf Holzkohle gegrillte Fische, knusprige
Enten und für Kenner - ein Fish-Head-Curry. Zum Abschluss eine Suppe und kleine
süße Bananen.
Fazit
Hochhäuser, Einkaufszentren und Banken sind uns eigentlich von zu Hause bekannt.
Was Singapur aber so anziehend macht, sind die Eigenheiten der verschiedenen
Völker und die kleinen Erlebnisse am Rande. Sie beweisen, dass die Stadt doch
lebt und nicht in Ordnungswahn und Keimfreiheit erstarrt.
Quelle: pairola-media (md) für affilian.de
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